A124 Cabrio Verdeck erneuern

A124 Cabrio Verdeck erneuern

Draussen ist es kalt und nass, da errinnert man sich gerne zurück an die schönen warmen Tage des Sommers. Bis tief in den Abend offen Cabrio fahren, ach war das herrlich. Aber da war doch was. Offen soweit alles gut, aber wenn das Cabrio geschlossen vor einem stand, traten doch ein paar Detailfehler zutage. Druck – und Reibestellen, der vordere Teil blieb nicht mehr von alleine stehen und man konnte beim Öffnen des Verdecks das eine oder andere gerissene Spannband sehen. Das Verdeck des 124er Cabrios wird gerne zusammen mit dem des R129 SL als nicht gerade wartungsfreundlich beschrieben.

Daher folgt eine kleine Dokumentation, die vielleicht dazu beiträgt, das Thema des Verdeckwechsels am A124 etwas zu entmystifizieren, wir ziehen dem Cabrio jetzt nämlich das Fell über die Ohren!

Recherche

Wie bei jedem größeren Projekt startet man am besten damit Informationen zu sammeln. Gibt es bereits bebilderte Dokus zu diesem Thema, vielleicht sogar detailierte DIYs bei Youtube? Für unser Vorhaben leider Fehlanzeige, aber auf ganzer Linie! Einzig in  der amerikanischen Forenwelt wird etwas detailierter über die Verdeckthematik gesprochen, dort ist man bekanntermaßen etwas weniger eingeschüchtert von deutscher Ingenieurskunst und probiert einfach mehr aus.

Alteingesessene KFZ-Sattler teilen berechtigerweise nicht ihr gewinnbringendes Wissen im Internet (bis auf eine Ausnahme, später mehr dazu). Daher fängt unsere Recherche mit dem guten alten WIS an, dem WerkstattInformationsSystem von Mercedes. Hierin findet man die Reparaturanleitung 77-308 Verdeckbezug erneuern. Wie bei allen WIS Auszügen üblich werden nicht alle Tätigkeiten detailiert beschrieben, waren die Anleitungen ja auch für geschultes Werkstattpersonal zugeschnitten. Ohne Vorwissen kommt man hier also nicht weiter, soviel gleich vorneweg. Ganze 24 Seiten umfasst die Reparaturanleitung, also nichts für einen entspannten Samstagnachmittag, sondern wirklich ein großer Eingriff.

Soweit so gut, Quintessenz: Das Verdeck wird an 4 Stellen verklebt, der Rest über Spannseile und Gurte erledigt. Klingt machbar. Also auf die Suche nach einer neuen Haut machen!

 

Beschaffung eines neuen Verdeckbezugs

Den Markt für Verdecke zu überblicken ist ohne Hintergrundwissen alles andere als einfach. Wo keine Menschen zu finden sind, die ihre Verdecke selbst gewechselt haben, sind schlichtweg auch keine Erfahrungen über die genutzten Bezüge vorhanden. Welcher ist also gut, welcher taugt, welcher ist teuer, welcher günstig? Alles Fragen, die uns niemand so richtig beantworten konnte.

Was suchen wir eigentlich? Die 124er Verdecke sind wie viele andere Mittelklasse oder Oberklassefahrzeuge aus der Zeit mit sogenanntem Sonnenland-Stoff bespannt. Dieser Sonnenlandstoff wird aus Dralonfasern gewebt, einer Acrylfaser. Hinzu kommt eine gummierte Unterschicht um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern.

Wir suchen also nach einem Anbieter eines Verdecks aus Sonnenlandstoff. Die Preise variieren hierbei interessanterweise stark. Durch Zufall stiessen wir dann auf einen Anbieter aus Dreieich, welcher Verdecke bei Ebay anbietet, und dies nicht nur für Mercedes:

Also angerufen, überzeugen lassen und eine Haut für unser Cabrio bestellt. Drei Tage später war das Teil da, inkl. einer Einbauanleitung, die es vorab als pdf gab. Diese wurde dann ein paar Tage gewälzt, dann sollte es los gehen.

 

Verdeck abziehen

Begonnen wird mit der Demontage des Innenhimmels und des  zwischen Verdeck und Himmel angebrachten Zwischenpolsters. Dafür werden vorne am Dach alle Verkleidungen demontiert:

 

 

 

 

 

Der Himmel ist vorne eingehängt, wird gelöst und gibt dann den Blick auf die Verstärkungen frei mit welchen er an den Spriegeln befestigt wird. Diese werden alle ebenfalls gelöst. Die Dichtungen oben am Verdeck werden alle aus den Führungen gezogen, die Führungen selbst auch entnommen:

 

 

 

 

 

Wie man sieht sind hier schon die ersten Defekte zu erkennen. Das Verdeck kann jetzt schon vorne am Spriegel gelöst werden, hier ist es nur verklebt. Seitlich hingegen ist jeweils ein Stahlseil vernietet. Diese müssen ausgebohrt werden. In unserem Falle war das linke Seil bereits gerissen, ein durchaus häufig auftretender Defekt. Hierdurch wird die Haut nicht mehr adäquat gespannt und es kann Wasser oberhalb der Holmdichtung in das Auto eintreten. Bemerkbar macht sich dies dadurch, dass das Verdeck beim Aufstellen vorne nicht stehen bleibt, sondern in die Rasten zurück fällt:

 

 

 

 

 

Das Verdeckseil ist noch neu bei Mercedes zu bekommen, hört auf den Namen A1247700266 und liegt aktuell bei 51,59€ pro Stück. *Stand Dezember 2018

Ist das Verdeck seitlich an den C-Säulen und am vorderen Spriegel gelöst, öffnet man die Nähte durch die das Verdeck mit den mittleren Spriegeln verbunden ist. Die Haut kann nun bereits bis über die C Säule abgezogen werden und wird in den Verdeckkasten gelegt:

Bevor es weiter geht, innehalten und einfach mal den Anblick dieser ingenieurstechnischen Meisterleistung geniessen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aber weiter gehts! Verdeckkasten ist geöffnet, der Verdeckrahmen wird aufgestellt. Auf der Unterseite entfernt man die Dichtung und schraubt deren zweigeteilte Halterung heraus. Dahinter wird das Verdeck verklebt, alles öffnen und falls noch vorhanden, die Spannbänder losschrauben. In unserem Falle allerdings nicht mehr nötig:

 

 

 

 

 

An dieser Stelle macht man besser kurz halt und prägt sich den Verlauf der nun sichtbaren Spanngurte bestens ein. Der Verlauf muss genau so eingehalten werden, andernfalls besteht das Risiko, dass sie ausgerissen werden. Die Kräfte, die das Dach entfaltet, sind nicht zu unterschätzen!

Hat man genügend Fotos gemacht, legt man nun den Verdeckteil mit der Scheibe umgedreht auf den Verdeckrahmen und schraubt zuerst den Himmel heraus und entnimmt dann das Zwischenpolster. Als kleiner Tip von der Front, dadurch das man hier „über Kopf arbeitet“ ist hier ein hohes Fehlerpotenzial beim Zusammebau. Hier genauestens dokumentieren, wie alle Teile miteinander verbunden sind, sie passen nur auf eine Weise!

 

 

 

 

 

Luft holen, das Verdeck ist runter! Noch den Scheibenrahmen aus dem alten Verdeck lösen, alles fotografieren und dann kann es auch schon weiter gehen…

 

Vorbereiten des neuen Bezugs

Die neue Haut wird auf den Rücken gelegt und als erstes mit dem Heckscheibenrahmen verklebt. Hierfür braucht es schon etwas Übung, da speziell die Ecken (an den teilweise nachgeschnitten werden muss) schon recht kompliziert sind. Alle mit Klebstoff bestrichenen Stellen (immer zuerst Verdeck, dann Rahmen) sollten wie vom Klebstoffhersteller gefordert 10-15 Minuten ablüften, bevor sie zusammengefügt werden. Der Klebstoff ist in unserem Falle gleich mit dabei gewesen, ein herrlicher Neoprenklebstoff, den man als privater sonst garnicht kaufen kann!

 

 

 

 

 

Die Fixierung der Klebestellen kann garnicht genug Druck bekommen, wir haben es mit mittleren Briefklammern versucht, was wirklich gut funktioniert hat. Nachdem alles ausgehärtet ist, kommt die Scheibe wieder an ihren Platz und wird zusammen mit dem Zwischenpolster und (gereinigtem) Himmel verschraubt. Dabei ist das Anzugsmoment entscheidend, zuviel und die Dichtung der Scheibe (ca. 350€) wird wellig, zu wenig und die Heckscheibe ist undicht! Es ist keine Schande hier nachzubessern, in unserem Fall saß die Scheibe auch erst nach einem zweiten Anlauf:

Noch schnell etwas Propaganda auf der Scheibe angebracht, dann wird das Paket wieder aufs Auto geschmissen.

 

Montage des neuen Bezugs

Bezug nach vorne in Richtung Frontscheibe werfen, Scheibe auf den hinteren Verdeckrahmen legen. Zwischenpolster und Himmel fädelt man schon einmal in den Innenraum, den Bezug verschraubt nun am Rahmen:

 

 

 

 

 

Nun wird das Verdeck vorne am Spriegel verklebt, fixiert und nach erfolgter Aushärtung das Gleiche am hinteren Teil vorgenommen. Hier allerdings nur in der Mitte, nicht an den Seiten. Dies ist wichtig da jede einzelne Verklebung später den Bezug spannt. Wir sind daher immer Stück für Stück vorgegangen um wo nötig nachzubessern und den Bezug nachzuspannen. Als nächstes zieht man die Stahlseile durch die im Bezug vorgesehenen Öffnungen, welche netterweise mit gelben Bändern versehen sind. Einfach das Stahlseil verknoten, durchziehen, fertig. Die WIS schlägt hier noch selbst zu bauende Stahlhaken vor. Die Ringösen werden vorne am Spriegel mit Poppnieten befestigt, danach kann auch hier der Bezug verklebt werden.

 

 

 

 

 

Ab jetzt wird das Verdeck sukzessive unter Spannung gebracht. Die Verklebung muss dem Druck alleine standhalten. Hat man das Verdeck auf den Markierungen verklebt, ist das Verdeck auf normalem Wege noch nicht zu schliessen, da der Bezug erst noch gedehnt werden muss. Und soviel sei gesagt, der Sonnenland-Stoff ist naturgemäß sehr unnachgiebig. Was ja auch gut ist, wer will schon einen Fesselballon ala CLK, Baureihe A208? Behutsam massiert, schafft man es aber irgendwann, dass sich das Verdeck zumindest in die erste Raste bewegt:

 

 

 

 

 

Nun wird der Himmel befestigt, die Spanngurte alle verlegt, verzurrt und dann die Seiten an den C-Säulen unten verklebt. Ist dies erfolgt, kommt die Dichtungshalterung wieder an ihren Platz und das Verdeck kann testweise schon komplett verriegelt werden:

 

 

 

Die Spannung passt, das Verdeck sieht schon toll aus! Auf den Bildern sieht man übrigens noch einen Fehler, den wir gemacht haben, die Anschlüsse der Heckscheibenheizung müssen unter dem Rahmen durchgeführt werden. Durch den Bezug durch funktioniert es leider nicht 😛

Als nächstes werden die Seiten zu den Fondscheiben verklebt. Spätestens hier merkt man, ob das Verdeck mittig sitzt. Hier braucht es sehr viel Kraft um den Bezug in Form zu halten, daher wird nachdem der Bezug in Position ist. sofort der Dichtungshalter mit 2 Schrauben verschraubt. Nachdem die beiden Stellen ausgehärtet sind, kann das Verdeck wieder geschlossen werden.

 

Was jetzt noch folgt, ist die Verklebung im Innenraum an den Spriegeln, welche auch den Himmel halten. Sind diese verklebt, wird das Zwischenpolster vorne eingehängt, der Himmel verschraubt und alle Verkleidungen und Dichtungen wieder angebracht.

 

Anschliessend muss nach Herstellervorgabe das Verdeck für 12 Tage geschlossen bleiben damit es seine finale Form erreicht.

Mission accomplished, ein kurzes Video des sich wunderschön faltenden Verdecks folgt sobald eben die 12 Tage rum sind! 😉

 

Fazit

Eines gleich vorneweg, das Verdeck eines A124 ist nicht weniger kompliziert als man es ihm nachsagt. Wir hatten zudem Glück, dass bis auf ein gerissenes Stahlseil keine weiteren Defekte zutage traten. Rostige Scharniere oder verschimmelte Zwischenpolster sind nur 2 Möglichkeiten wie die Kosten hierbei schnell ins Astronomische gehen. Dichtungen fürs Cabrio kosten abartiges Geld, viele Teile wie die Himmelverkleidung unten am Verdeckrahmen sind nicht mehr lieferbar, was schon zu 3D Nachdrucken geführt hat, die selbst dann noch gut und gerne 600USD kosten.

Handwerklich gesehen ist es von Vorteil, wenn man die Machart von Mercedes Fahrzeugen aus der Zeit kennt, das Coupe ist bspw. in manchen Bereichen sehr ähnlich. Auch die Unart anstatt 5 benötigter Schrauben lieber 20 zu verbauen, macht den Aufwand einfach größer.

Den Umgang mit Klebstoffen, Nietzangen oder schlimmstenfalls auch Schweissgerät sind nichts, was man mal eben in der Großstadt-Tiefgarage oder im offenen Carport erledigt. Der Arbeitsplatz sollte sehr gut beleuchtet sein und nach Möglichkeit sehr warm sein, damit die zu demontierenden Kunststoff – und Gummiteile einfacher ihren angestammten Platz verlassen.

Die Sache kann glimpflig ablaufen wie bei unserem Cabrio, die Gesamtkosten beliefen sich auch nichtmal 600€.

Wir hoffen mit diesem „kleinen“ Artikel ein wenig Licht ins Dunkle bringen zu können, wenn sich damit jemand an die Arbeit herantrauen würde, wäre das super!

 

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