Alte Mercedes – Braucht man ein Wertgutachten?

Das sich alte Mercedes bei normaler Wartung bis in alle Ewigkeit fahren lassen ist bekannt. Das man daher der Meinung sein könnte das es nicht gibt was die lange Freundschaft wäre die logische Schlussfolgerung. Wären da nicht 2 kleine Gefahren von denen eine uns schneller heimsuchen kann als es einem lieb ist:

 

Gefahr No.1: Diebstahl

Wer so wie wir aus einem Ballungsgebiet wie Hamburg kommt, in Berlin oder irgendwie drum herum wohnt, wird in den letzten Jahren vermehrt mit einem eher unschönen Thema konfrontiert. In viele Internetforen finden sich vermehrt Einträge das selbst einfache 260E am hellichten Tag verschwunden sind, in Hamburg sollen 2015 knappe 50 T-Modelle verschwunden sein und laut einer grossen Lübecker Old- und Youngtimer Versicherung stieg die Diebstahlrate von 2014 zu 2015 um locker flockige 68% an. All diejenigen, die schon etwas länger W124 fahren, fühlen sich wahrscheinlich zurück in die späten 1990er versetzt. Damals, als der E250 zusammen mit den ersten Mercedes ML und BMW X5 die Diebstahl Top 10 anführte. Ob die Autos geschlachtet oder einfach im Ausland neu zugelassen werden, lässt sich bei nur knapp zweistelligen Aufklärungsquoten nicht eindeutig beantworten. Über die A24 rüber auf die A10 und man ist schnell im Baltikum. Von dort aus werden die Autos häufig weiter verteilt werden. Das Thema treibt mittlerweile die putzigsten Blüten, selbst grosse Medien wie das ZDF hat sich bereits mit dem Thema befasst und auch wenn es hierbei eher um neuere Luxusautos geht, die gen Tadschikistan gehen, lässt die Doku erahnen welche Strukturen hier im Hintergrund aktiv sind.

Zu finden in der Mediathek oder auf Youtube unter folgendem Link

Man könnte die Wörter Diebstahl gepaart mit W124 auch einmal googeln, falls man mal wieder Lust hat auf ein mulmiges Bauchgefühl, siehe hier. Allerdings reicht es auch einfach die lokalen Tageszeitungen aufzuschlagen, Beispiel Morgenpost letztes Jahr:

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Copyright: Morgenpost Hamburg

Nun kann man darüber sinnieren wie man die Langfinger abhält das eigene Auto aufzubrechen. Hier sollte man sich aber keiner Illusion hingeben. Organsierte Banden, die selbst aktuelle Porsche Cayenne geknackt bekommen, werden eine analoge Dose wie den W124 in Sekunden aufbrechen und starten können. Lenkrad oder Getriebesperren sind sicherlich gut um abzuschrecken, bringen im Fall der Fälle aber auch nur ein paar Minuten ein. Kommen die Herren mit einem Abschleppwagen? Tjoar, dann schaut man in die Röhre…

Also was tun? Das man mindestens eine Teilkasko abschliesst, die im Falle eines Diebstahls haftet, ist die erste Stufe die jeder Altmercedesfahrer haben sollte. Risiken wie Wildunfälle im Herbst sind damit dann meist auch abgedeckt. Sofern man sich mit dem Thema Versicherung beschäftigt, wird man schnell merken das die Old – und Youngtimer Versicherungen zwar viel günstiger als die normalen sind, hierfür aber auch ein paar Vorraussetzungen zu erfüllen sind. Meist ist ein weiterer (Alltags) PKW von nöten und viele Versicherungen fordern mittlerweile auch ein Wertgutachten. Solche Gutachten kann man bspw. von Classic Data erstellen lassen oder sich auch einfach an den Sachverständigen seines Vertrauens wenden. Wichtig ist halt, dass der Wagen nicht stumpf nach Schwacke bewertet wird, da bei den meist hohen Laufleistungen nämlich ansonsten gerne mal ein knapp vierstelliger Betrag genannt wird. Hat man 4 Jahre geschraubt und investiert käme dies dem Super-Gau gleich, und das gilt es zu verhindern. Denn entgegen der weitläufigen Meinung das Instandhaltungen nicht den Wert beeinflussen, muss man hier auf den genauen Wortlaut achten. Maßgeblich ist die Frage über welchen Wert man denn sprechen möchte. Der Marktwert eines Fahrzeugs ist etwas völlig anderes als der Wiederbeschaffungswert, und letzterer ist der für jeden W124 Fahrer maßgebliche. Denn natürlich ist jedem klar, dass eine Bremsüberholung für 500€ nicht automatisch den Marktwert um die gleiche Summe anhebt, sich wohl aber der Wiederbeschaffungswert verändern wird, allein schon durch die evtl. in Eigenregie erbrachte Arbeitsleistung!

Die Rechnung ist eine relativ einfache. Im Falle eines Totalverlusts durch einen Diebstahl oder einen schweren Autounfall, bei dem der Wagen einen Totalschaden erleidet, muss der Eigner glaubhaft machen können, dass ihm ein Schaden entstanden ist, der mit der bloßen Restwertberechnung (und Datierung nach Schwacke, Restwertbörse etc) nicht komplett gedeckelt ist. Durch erbrachte Eigenleistungen und Investitionen in das besagte Fahrzeug ist eine höhere Summe von Nöten um ein gleichwertiges Fahrzeug zu beschaffen und es ggf. in den gleichen Zustand zu versetzen wie das welches leider verlustig gegangen ist. Solche Gutachten weisen also gerne mal Werte aus, die fernab von dem sind was auf dem Gebrauchtwagenmarkt für das Fahrzeug bezahlt werden würde. Im übrigen eine gern genommene Argumentation von findigen Privatpersonen, die ihre Autos mit Wertgutachten feilbieten und der Käuferschaft entgegen kommen indem sie ein paar Hunderter vom Wiederbeschaffungswert abziehen. Was der Verkäufer dann gerne als gottesgleiche Gnade empfindet, lässt mich dann gerne schmunzeln. Wie genau eine privat erbrachte Arbeitsstunde bemessen wird, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Hierbei ist auch zu beachten, dass die Ausführung der getätigten Arbeit eine Rolle spielt. Hier kann aber ein Gespräch mit einem Sachverständigen hilfreich sein. Fakt ist das im Falle eines Unfalls die Wiederherstellungskosten maximal 30% des Wiederbeschaffungswertes betragen dürfen damit man einen automatischen rechtlichen Anspruch auf die Reparatur hat. Das sagt zumindest der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft eV. Ein Auto mit einem Wiederbeschaffungswert von 6.000€ wird also gerne als Totalschaden abgebügelt, wenn die Reparaturkosten 1.800€ erreichen. Das ist in etwa die Summe, die eine offizielle Mercedes Werkstatt für den Tausch und die Lackierung der Frontstoßstange berechnet. Was das für schwerwiegende Schäden also bedeutet, kann sich jeder ausmalen.

Worst case Szenarien wie das nachfolgende aus dem direkten Umfeld sind schlimm genug, wie Richard berichten kann.

~Sebastian


Gefahr No.2: Totalschäden

Wie Sebastian schon schrieb, wird leider ab und an auch mal ein guter 124er von der Straße geholt. So wie der meines Vaters. Nachdem der erste Schrecken überwunden und man beruhigt ist, dass kein Personenschaden entstanden ist, wird einem bewusst, dass hier innerhalb weniger Sekunden 3 Jahre Arbeit und ca. 10.000€ dahin sind.

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Nun ging das rotieren der Gedanken los:

Warum hab ich nur noch kein Wertgutachten machen lassen?

Wie viel wird die gegnerische Versicherung bezahlen?

Wird das Geld ausreichen einen gleichwertigen 124er zu kaufen oder wieder aufzubauen?

 

Schnell mal gegoogelt nach Classic Data und deren Marktwertanalysen. E220T in gepflegtem Zustand von 5400€ bis 7200€. Schnell gingen die Mundwinkel nach unten. Mit Glück 5500€ bekommen, klang nicht wirklich zufriedenstellend. Da die Schuldfrage eindeutig geklärt war und der Unfallgegner die volle Schuld trägt, übergaben wir die Abwicklung gleich einem Anwalt. Der Unfallgutachter des Anwalts dokumentierte den Unfallschaden sehr genau. Über den Zustand des Wagens verlor er nur sehr wenig Worte, was unsere Hoffnung auf ein hochdatiertes Gutachten sinken ließ. Alle Rechnungen für Teile ließ der Gutachter mit einfließen. Am Ende kam hierbei eine Summe heraus, die zwar nicht die eigene Arbeitszeit (was klar war), aber die gesamten Teile und den Kaufpreis abdeckte. Um einen E220T mit gute 12.000€ zu datieren, muss der Wagen wirklich in einem 1A Zustand sowohl optisch als auch technisch sein. Und zudem bedarf es eines guten Gutachters. Der Restwert wurde durch den Gutachter per Restwertbörse auf 30€ datiert. Nun rechnete natürlich keiner damit, dass die Versicherung für ein 22 Jahre altes Auto ohne weiteres gute 12.000€ zahlen wird.

 

Doch es kam anders!

Es scheint so als hätten die Versicherungen mittlerweile auch begriffen, dass es schon sehr wertvolle 124er gibt. Sie zahlte ohne mit der Wimper zu zucken. Fast annähernd die Differenz zwischen Restwert und Wiederbeschaffungswert kam zur Auszahlung. Um wie in unserem Falle nicht derart bangen und schwitzen zu müssen, empfiehlt es sich schon vorher ein Wertgutachten erstellen zu lassen. Für den Fehler dieses immer und immer wieder verschoben zu haben, wurden wir zum Glück nicht bestraft.

Das nächste Mal wird dieses Glück aber nicht herausgefordert und direkt ein Wertgutachten erstellt.

 

~Richard

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