Mercedes S124 Seitenscheibenrahmen instandsetzen

Mercedes S124 Seitenscheibenrahmen instandsetzen

Heute wollen wir uns mal mit einem Angstgegner eines jeden Kombifahrers oder potenziellem Interessenten beschäftigen, den hinteren Seitenscheibenrahmen am S124 T-Modell. In allen (guten) Kaufberatungen wird dieser Rostherd genannt und mit schaurigen Bildern darum gebeten bei Besichtigungen reissaus zu nehmen sobald man derartige Schäden erblickt. Wie eigentlich jeder Schaden ist auch dieser zu beheben. Allerdings sollte von Anfang an klar sein das es hier nicht mit 3 Stunden Arbeit getan ist. Der Aufwand ist immens; schon allein durch die Vorbereitungen, zerlegen des Kofferraums, Brandschutz etc.

Demontage

Aber fangen wir an, zuerst gilt es das gesamt Ausmaß zu sichten. Hierfür muss der gesteckte Alurahmen entfernt werden welcher seitlich mit 2 Kreuzschlitz – oder Torxschrauben gesichert ist. Mit einem Keil und flachen Schraubendreher wird dann von unten hin begonnen die Leiste heraus zu hebeln. Die Leiste verbiegt nur zur gerne da aus Aluminium, hier also Vorsicht walten lassen!

Hier sind die beiden Kreuzschlitzschrauben zu entfernen. Dann unten am Seitenteil aushebeln!

 

 

Nun können wir die Scheibe heraus nehmen. Hierfür auf Höhe des Übergangs vom Holm zur D-Säule von innen die Scheibe aus der Dichtung drücken. Keine Angst, Bruchgefahr besteht nicht. Jetzt die Dichtung aus dem Falz ziehen und an der Scheibe vorbei nach aussen ziehen. Nun kann man die Dichtung herausziehen, dabei in Richtung der Rückleuchte arbeiten. Jetzt etwas beherzter ziehen und die Scheibe ploppt mit Dichtung aus dem Rahmen!

Hat man in den sauren Apfel gebissen und Neuteile bei der örtlichen Niederlassung erworben kann man das ganze natürlich etwas beschleunigen. Oben links und unten rechts kurz anschneiden, dann kommt die Scheibe sofort.

 

 

 

 

 

Was „blüht“ uns ?

Die alte Dichtungsmasse erst einmal komplett entfernen und den Rahmen entweder an der Luft oder per Heissluftfön trocknen lassen. Als nächstes den Sichtbereich um den Scheibenrahmen mit Verdünnung etc entfetten und dann grossflächig abkleben. Wir wollen den (hoffentlich) intakten Lack ja nicht mit den jetzt folgenden, schweren Geschützen kaputt machen.

 

Mit einem Winkelschleifer und 115mm Drahtzzopf hat man genügend Drehzahl und auch Platz um alle Stellen zu erreichen. Alle befallenen Stellen jetzt kräftig mit dem Winkelschleifer bearbeiten. Was diese Behandlung nicht überlebt ist durch Korrosion bereits so dünn gerostet das man ums Schweissen eh nicht herum kommt.

 

Und genau das machen wir jetzt, unser Beispielwagen braucht richtig Arbeit in diesem Bereich, also ab dafür!

 

 

Brandschutz

Bevor wir den Schweissgerät hochfahren und das Gas zischelt aber noch ein paar wichtige Dinge vorneweg. Wir hatten den Link schon mal an anderer Stelle, aus gegebenem Anlass aber nochmal hier: Werkstattbrand So etwas passiert scheinbar auch unter proffessionellen Bedingungen. Was bedeutet das für uns? Doppelt und dreifach sicherstellen das die Brandgefahr so gering wie möglich ist. Hierfür einfach ein paar grundlegende Dinge beachten. Als da wären:

  1. Alles was in Nähe der Schweissung liegt muss raus, restlos. Die Radhausverkleidung muss also raus. Auch wenn dafür die ganze Rücksitzbank raus muss.
  2. Beim Schweissen entsteht Schlacke, kleine Perlen die mit 700-800 Grad durch die Gegend fliegen. Diese kleinen Biester brennen sich in Null-Komma-Nix durch jede Innenausstattung. Daher soviel ausbauen wie eben nötig!
  3. Auto mit Decken auslegen. Feuerfeste Decken sind unbezahlbar, daher müssen wir uns anders helfen. Bewährt hat sich die Variante den Innenraum mit normaler Malerfolie auszukleiden, dann alte Decken darüber und diese dann leicht befeuchten. Das erledigt man am besten mit einem Pumpspray, im Baumarkt oder an Muttis Bügelbrett entwenden. Die Feuchtigkeit kann so nicht in den Teppich eindringen, die Schweissperlen werden durch die Feuchtigkeit soweit herunter gekühlt das sie sich nicht mehr durch Textilien brennen können. Ganz nebenbei sammelt sich so der Staub beim arbeiten mit Winkelschleifer & Co. auch besser und die Endreinigung geht schneller von der Hand.

Da auf der Rechten Seite der Tank verbaut ist muss die Belüftung des Innenraums so gut wie eben möglich sichergestellt sein. Entzündbare Gase von einem undichten Tank würden den sichern Tod bedeuten. Bei Unsicherheit den Tank demontieren. So vorbereitet kann es los gehen…

 

Totes Blech raus, neues Blech rein!

Je nach Fortschritt des Verfalls müssen wir bis in den Sichtbereich schweißen. Also keine schnelle Naht drauf knattern sondern richtig schönes Schweissen ist angesagt. Schön bedeutet für mich das die Nacharbeit die der Lackierer haben soll so gering wie möglich ist. Überlappend schweissen fällt hier raus, wir machen es richtig. Blech an Blech, ohne Übergänge, Falze und nachher viel Spachtel. Dafür müssen wir aber wie so oft etwas mehr arbeiten.

Erstes Gebot: Hitze so gering wie möglich halten! Durch zuviel Wärme verzieht sich das Karosserieblech, unbedingt vermeiden! Hierfür gibt es ein paar Hilfsmittel. Zum einen bleibt der Winkelschleifer im Koffer, hier setzen wir einen Oszillierer ein. Statt mit Drehzahl arbeiten diese Geräte mit Schwingungen. Vorteil: Null Wärmeentwicklung. Nachteil: Bestialischer Lärm.

 

Mit einem Aufsatz zum Bleche schneiden gehts an Werk und wir trennen alles heraus was auch nur ansatzweise braun ist. Hierbei auf klare Linien achten und diese vorher anzeichen. Freestyle sieht toll aus, macht aber mordmäßig Arbeit beim Anpassen der neuen Bleche. Die Ränder an den Schnittstellen sollten von Lack befreit werden, der Leitfähigkeit zuliebe. Die Schweisspunkte haften dann einfach besser.

Nun passen wir das neue Bleche an, bei unserem Kandidaten blieb nichts anderes übrig als komplette Teile aus Schlachtern heraus zu trennen. Durch ständiges nachfeilen arbeiten wir uns langsam an die benötigte Form heran. Ist das Blech passend gearbeitet kann endlich geschweisst werden.

 


Endlich schweissen

Jetzt aber, das Blech mit Gripzangen fixieren und die ersten Punkte setzen. Dabei achten wir darauf die Schweissungen soweit voneinander entfernt wie möglich zu setzen. Damit verhindert man das sich das Reparaturblech sich einseitig verzieht. Dabei ohne Hektik vorgehen, gute Schweisspunkte trage ich sofort wieder ab. Stück für Stück arbeiten wir uns vor bis die Naht komplett ist. Ein Helfer kann von unten auch mit Druckluft zusätzlich für Abkühlung sorgen. Nicht direkt auf die Naht, zu schnelles Abkühlen ist leider auch kontraproduktiv.

Stellen die mit dem Winkelschleifer nicht zu erreichen sind glätten wir mit einer Druckluftbandfeile. Schleifbänder in 120er und 80er Körnung und den Maßen 10x300mm, hiermit kommt man auch in die entlegendsten Ecken.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, kaum Verzug! Von unten grundieren wir das Blech mehrfach mit Corroless aus der Dose. Ein Aufsatz einer WD40 Dose hilft hier an entlegene Stellen zu kommen. Oben herum grundieren wir alles mehrfach mit Brantho Korrux nitrofest. Speziell die Falze mehrfach volllaufen lassen bis tatsächlich alles gefüllt ist. So verhindert man das nachträglich wieder Wasser durch die Kapillarwirkung dort Schäden anrichten kann.

 

 

 

Ab zum Lackierer!

 

Bei Reparaturschweißungen in solchen Flächen wird man um etwas Zinn oder Spachtel nicht herum kommen. Das besorgt dann der Lackierer unseres Vertrauens. 10 Tage später können wir den Wagen wieder in Empfang nehmen und mit dem Zusammenbau weitermachen. Die Innenseite des Rahmens lackiere ich noch schwarz aus damit alles wieder aussieht wie es ab Werk war.

So muss das aussehen! Kein Spachtel, nur Zinn wurde am Übergang zur C-Säule verwendet

 

 

Für den Einbau der Seitenscheiben gibt es lt. gängiger Meinung unterschiedliche Wege um ans Ziel zu kommen. Die für mich einfachste Variante läuft wie folgt ab. Dichtung entweder reinigen oder erneuern und die gesäuberte Scheiben in die Dichtung stecken. Den Dichtungsrahmen nun grossflächig mit Vaseline einschmieren und am Seitenteil unten in die Dichtung stecken. Beim Einbau ist das Werkzeug zum Montieren der Feststellbremsfedern recht hilfreich, hiermit lässt sich die Dichtung prima über den Falz ziehen.

 

Rechts haben wir gleich mit lackieren lassen. So ist der Wagen hintenrum komplett in Neulack gehüllt

 

 

 

Sind alle Scheiben montiert würde ich die ersten Tests auf Dichtheit unternehmen, mit bloßem Wasserstrahl oder einem Eimer Wasser simuliert man Starkregen allerdings nur bedingt. Auch wenn es hier und da eventuell verpönt ist, am besten eignet sich dafür die Waschstrasse. Ohne Verkleidungen den Wagen einmal waschen und die hoffentlich nur minimalen Einbrüche von aussen(!!!) dann mit einer entsprechenden Dichtmasse ausmerzen. Die Dichtmasse dabei unter die Dichtung spritzen und erneut checken.

 

 

 

Der Vorteil beim Einbau mit Vaseline ist das der Falz der Karosserie hierdurch gleich eine Konservierung verpasst. Gerne den Falz auch vor der Montage richtig voll stopfen, umso geringer ist das Risiko das hier jemals wieder Wasser eindringt. Fluidfilm oder andere Konservierungsfette etc haben zumindest im oberen Bereich nichts verloren da sie Gummi angreifen und so die teuren Dichtungen zerstören. Von unten ist eine Ladung Fluidfilm aber durchaus sinnvoll. Wie oben zu sehen kann die Verstärkung unterhalb des Scheibenrahmens eine Konservierung durchaus vertragen.

Das Fotomodell wird nun wieder zusammen gesetzt, an dieser Stelle ist aber erstmal Schluss.

Wir hoffen diese kleine Dokumentation nimmt ein wenig den Schrecken, viel Spaß an den eigenen Fahrzeugen!

wagen124.com

 

 

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