Youngtimer Versicherungen – Ein Einstieg

Youngtimer Versicherungen – Ein Einstieg

Wo steht die Baureihe 124?

Der Eine oder Andere hat sicherlich schon einmal gehört, dass es Versicherungen gibt, die spezielle Tarife für Oldtimer anbieten. Von diesen ausgewählten Versicherungsunternehmen haben wiederum ein paar sogar Tarife für sogenannte „Youngtimer“. Gründe hierfür kann es viele geben, wir hatten uns schon einmal mit dem Thema beschäftigt.

Während man von einem Oldtimer spricht, wenn ein Fahrzeug mindestens 30 Jahre alt ist (Einstiegshürde, um an ein H-Kennzeichen zu kommen), ist der Begriff „Youngtimer“ nicht so klar definiert.

Für Oldtimer und Youngtimer gilt, es muss sich um prinzipiell erhaltenswerte Fahrzeuge handeln, die nicht im Alltagsbetrieb bewegt werden und als Zustandsnote mindestens eine 3- aufweisen. Einen Überblick darüber, was sich hinter den Zustandsnoten verbirgt, gebe ich Euch hier:

Zustand 1

Makelloser Zustand. Keine Mängel, Beschädigungen oder Gebrauchsspuren an der Technik und an der Optik. Komplett und perfekt restauriertes Spitzenfahrzeug. Wie neu (oder besser*). Sehr selten.

Ein Fahrzeug, auf das man begeistert zugeht und bei dem man auch bei genauer Prüfung keine Mängel feststellt. Basis für die Bewertung in die Zustandsnote 1 ist der angenommene Zustand bei Erstauslieferung, d.h. der ehemalige Neuwagenzustand des entsprechenden Herstellers.

Zustand 2

Guter Zustand. Mängelfrei, aber mit leichten (!) Gebrauchsspuren. Entweder seltener, guter unrestaurierter Originalzustand oder fachgerecht restauriert. Technisch und optisch einwandfrei mit leichten Gebrauchsspuren.

Ein Fahrzeug, auf das man begeistert zugeht, aber an dem man bei näherer Betrachtung leichte Gebrauchsspuren findet. Diese leichten Gebrauchsspuren sollten sich in der nachvollziehbaren, geringen Gesamtlaufleistung bzw. Laufleistung nach der Restauration widerspiegeln. Entsprechend niedrig ist auch der Verschleißgrad der Technik.

Zustand 3

Gebrauchter Zustand. Fahrzeuge ohne größere technische und optische Mängel, voll fahrbereit und verkehrssicher. Keine Durchrostungen. Keine sofortigen Arbeiten notwendig.

Ein Fahrzeug, auf das man zugeht und bei näherer Betrachtung unschwer Gebrauchsspuren und diverse kleinere Mängel erkennt. Die Gebrauchsspuren und Mängel sollten sich in der nachvollziehbaren Gesamtlaufleistung bzw. Laufleistung nach einer Restauration widerspiegeln. Entsprechend hierzu ist auch der Verschleißgrad der Technik.

Zustand 4

Verbrauchter Zustand. Nur eingeschränkt fahrbereit. Sofortige Arbeiten zur erfolgreichen Abnahme gem. § 29 StVZO sind notwendig. Leichtere bis mittlere Durchrostungen. Fahrzeug komplett in den einzelnen Baugruppen aber nicht zwingend unbeschädigt.

Ein Fahrzeug, auf das man zugeht und bei dem diverse Mängel schon aus der Entfernung erkennbar sind. Eine nähere Inaugenscheinnahme zeigt deutliche Verschleißspuren

Zustand 5

Restaurierungsbedürftiger Zustand. Fahrzeuge im mangelhaften, nicht fahrbereiten Gesamtzustand. Umfangreiche Arbeiten in allen Baugruppen erforderlich. Fahrzeug nicht zwingend komplett.

Ein Fahrzeug, bei dem selbst der Laie sofort deutliche Mängel und/oder Fehlteile erkennt. Könnte auch als Teileträger verwendet werden.

(Quelle: Classic Data)

Definition

Die meisten Versicherer am Markt stufen ein Auto ab 25 jahren als Youngtimer ein. Erhaltungswürdig sind prinzipiell original belassene Fahrzeuge, wobei zeitgenössisches Tuning als wertsteigernd anerkannt werden kann (Beispiel: Eine dreiteilige AMG-Felge (Aero III) am C124 in Verbindung mit AMG-Lenkrad, Schürze und Heckspoiler, steigern den Wert des Fahrzeuges, wenn es sich um AMG-Teile handelt, die zur Zeit des Autos produziert wurden.) Speziell für Mercedes-Modelle gilt dasselbe für Zubehör aus dem Hause Brabus und Lorinser. Dabei gilt: was früher schon erhältlich und teuer war, wird heute als werterhöhend anerkannt. Frühere billige Tuningteile werden heute nicht anders betrachtet.

Was bedeutet es, wenn der Versicherer von einem Nicht!-Alltagsfahrzeug spricht?

Laut Definition von Versicherungen wird das Liebhaberfahrzeug nicht mehr als 10.000 km im Jahr bewegt.

Der Eine, oder Andere Leser unserer Seite wird wahrscheinlich schon jetzt zu der Erkenntnis kommen, dass sein W124 / C124 / S124 / A124 im Bereich der Youngtimer liegt. Erstserienfahrzeuge haben teilweise schon eine H-Zulassung, erfüllen ggf. sogar schon den „Oldtimer-Begriff“.

Viele von uns haben schon im Laufe der zeit viel Geld in die Pflege und Erhaltung Ihrer Autos gesteckt, Einige bewegen ihre „Schätze“ auch nur bei schönem Wetter und/oder mit Saisonzulassung (Schnee, Matsch und Streusalz sollen vermieden werden).

 

Wo ist die Abgrenzung zwischen einer normalen und einer Old/Youngtimer-Versicherung

Eine „normale“ Autoversicherung ist eine sogenannte Zeitwertversicherung. Im Schadenfall ermittelt der Versicherer den aktuellen Wert des betroffenen Fahrzeuges, indem er den Anschaffungswert betrachtet und das derzeitige Alter, die Laufleistung und zum Teil auch den Gesamtzustand mitberücksichtigt.

Diese recht einfache Betrachtung funktioniert bei „Liebhaber-Fahrzeugen“ nicht sehr gut. Viele unserer 124er Mercedes haben Laufleistungen jenseits der 200.000 km. Einen Wertabzug für das Fahrzeugalter vorzunehmen, wäre fatal – bewirkt doch ein hohes Alter bei klassischen Fahrzeugen eher eine Wertsteigerung.

Dazu gebe ich Euch ein kurzes Beispiel: seit neun Monaten restauriere ich einen S124 / 300TE Baujahr 1990. Der Wagen hat eine Laufleistung von 270.000 km. Die Restauration beinhaltet: Kompletttausch beider Achsen (Pulverbeschichten, Lager, Köpfe, Dichtungen neu, neue Dämpfer, neue Federn), hintere Seitenscheibenrahmen schweissen, Kotflügel neu, Fahrzeug und Beplankungen neu lackieren, neue Scheinwerfer, Innenausstattung umrüsten auf Leder, neue Felgen, Reifen, Wagenheberaufnahmen sanieren, etc. Nach der Fertigstellung wird das Projekt mit Fahrzeugkauf bei geschätzt 13.000,- – 14.000,- EUR Kosten liegen. Würde ich nach einem Totalschaden von meinem Versicherer folgende Schadenregulierung angeboten bekommen, wäre ich doch etwas geknickt:

Fahrzeug Kaufpreis: 1.600,- EUR, 27 Jahre alt, guter Allgemeinzustand, aber 270.000 km Laufleistung = Restwert 1.400,- EUR.

Damit ein Szenario, wie eben beschrieben, gar nicht erst eintritt, gibt es Oldtimer- / Youngtimer-Versicherungen. Diese betrachten ein Fahrzeug etwas anders:

Der Fahrzeugwert wird nicht einfach anhand von Laufleistung und Alter bestimmt, sondern im Vorwege ermittelt. Es ist sher empfehlenswert, von einer fachkundigen Stelle (freier Gutachter) ein Fahrzeuggutachten, oder zumindest eine sogenannte Kurzbewertung anfertigen zu lassen. Der Gutachter zieht den Erhaltungszustand und ggf. den Restaurationszustand zu Rate und orientiert sich an reellen Preisen des Oldtimer-Marktes. Restaurationskosten werden im Fahrzeugwert ausdrücklich mitberücksichtigt. In meinem Falle würde ich mit einem Gutachter einen Fahrzeugwert im Bereich 13.000,- EUR – 14.000,- ermitteln. Dieser Wert wird im Gutachten mit aussagekräftigen Fotos und ggf. einer Restaurationsdokumentation nachgewiesen.

Das erstellte Gutachten gilt für einen Old- / Youngtimer-Versicherer als Bewertungsbasis. In meinem Falle würde im Versicherungsschein explizit der Fahrzeugwert 13.000,- (oder 14.000,- EUR) stehen. Der Fahrzeugwert ist in diesem Fall für den Versicherer auch die Grundlage für die Prämienkalkulation.

Dran denken: Bei Oldtimer- Youngtimerversicherern bestimmt der Kunde (mit gutachterlichem Nachweis) den Fahrzeugwert, nicht der Versicherer!

Der Kunde ist wiederum auch dafür verantwortlich, seine Versicherung anzupassen, wenn sich der Fahrzeugwert im Laufe der jahre erhöht. Ggf. ist dann ein weiteres Gutachten erforderlich.

Worin unterscheidet sich eine Old-/Youngtimer-Versicherung von herkömmlichen Autoversicherungen?

Nicht nur die Fahrzeugwerte werden, wie oben beschrieben, anders betrachtet, der gesamte Versicherungsschutz unterscheidet sich in einigen wichtigen Punkten erheblich. Hier gibt es große Unterschiede bei den Anbietern. Ich führe im Folgenden auf, welche zusätzlichen Einschlüsse ich als wichtig empfinde:

  1. Bei der Beitragsberechnung und im Schadenfall ist der Marktwert des Fahrzeugs maßgeblich

  2. Der Versicherer kalkuliert für Wertsteigerungen 10% Vorsorgeversicherung während der Vertragslaufzeit mit ein. Ist ein Fahrzeug beispielsweise mit einem Marktwert von 20.000,- EUR versichert und es kommt drei Jahre später zu einem Totalschaden, würde der Versicherer bis zu 22.000,- EUR auszahlen, wenn eine entsprechende Wertsteigerung stattgefunden hat

  3. Nach einem Schadenfall steigen die Beiträge nicht an. Old- und Youngtimer werden nicht nach Schadenfreiheitsklassen eingestuft und berechnet. Bei Alltagsfahrzeugen kommt es nach einem Unfall zu Rückstufungen in den Schadenfreiheitsklassen. Darauf wird bei klassischen Fahrzeugen verzichtet

  4. Bis zu einem Fahrzeugwert von 9.999,- EUR genügt eine Wertangabe des Kunden. Bei einem Fahrzeugwert von 10.000,- – 49.999,- EUR muss der Fahrzeugwert mittels einer sog. Kurzbewertung nachgewiesen werden. Über 50.000,- EUR Fahrzeugwert erfordern ein ausführliches Fahrzeuggutachten

  5. Schäden durch Vandalismus und Transportunfälle sind bereits in der Teilkaskoversicherung mitversichert

Anmerkung des Verfassers: Da ich hauptberuflich für die Allianz Versicherung arbeite, kenne ich mich mit dem Deckungskonzept dieses Anbieters am besten aus. Die Deckungskonzept-Beispiele sind von der Allianz Oldtimer-Versicherung übernommen. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle Anbieter miteinander zu vergleichen. Andere Anbieter von Versicherungen für klassische Fahrzeuge haben möglicherweise ähnliche Deckungskonzepte. Beim Schreiben dieses Artikels ging es mir nicht darum, die Allianz zu bewerben, vielmehr möchte ich für das Absichern von klassischen Fahrzeugen in entsprechenden Oldtimer-Tarifen sensibilisieren.

 

Ein selbst erlebtes Schadenbeispiel

Bevor ich mit der Restauration meines S124 / 300TE angefangen habe, habe ich mir vor drei Jahren einen C126 / 560SEC gekauft, welchen ich überwiegend in Fachbetrieben restaurieren lassen habe. Unter Anderem musste der Heckscheibenrahmen geschweißt werden, das Fahrzeug wurde teil-lackiert, das Wurzelholz im Innenraum aufgearbeitet, der Dachhimmel neu bespannt, die Koppelstangen und die Bremsen erneuert, das Leder habe ich aufgearbeitet usw. Weil ich gerne CDs im Auto höre, ließ ich in einer Fachwerkstatt ein originales Mercedes-Benz CD-Radio einbauen. Es stellte sich heraus, dass das Massekabel des Radios nicht ordentlich ab-isoliert wurde und während der Fahrt gegen die Radio-Rückwand schlug. Dies verursachte immer wieder Kurzschlüsse, was in der Folge zur Beschädigung beider Fahrzeug-Kabelbäumen geführt hat (Hauptkabelbaum, sowie Motorkabelbaum.

Der Wagen wurde in diversen Werkstätten restauriert, das Radio von mehreren Leuten angefasst. Das machte es schwer, jemanden zu finden, der für die Ursache der Kurzschlüsse und dem eingetretenen Kabelbrand verantwortlich gemacht werden konnte.

Der SEC hat eine Oldtimer-Versicherung. Diese schickte einen Gutachter, der selbst gelernter Blechner ist und etwas von klassischen Fahrzeugen versteht. Der Gutachter sagte mir Versicherungsschutz zu und ermittelte mit mir und der Werkstatt, die den Kabelbrand reparieren sollte, die voraussichtliche Schadenhöhe und die weitere Vorgehensweise. Problematisch war hierbei, dass beide Kabelbäume original von Mercedes nicht mehr lieferbar waren. Es mussten beide Kabelbäume also von Hand angefertigt werden.

Mein SEC ist Baujahr 1991 – ähnlich, wie bei gut ausgestatteten 124er-Modellen, sind jede Menge Kabel in dem Fahrzeug verbaut für: elektrische Fensterheber, Scheinwerfer-Reinigungsanlage, elektrische Sitzverstellung mit Memory-Funktion, Tempomat, Airbags und, und, und…

Eine Reparatur bedeutete zwar – und das war erstmal das Wichtigste – die Versicherung zahlt, der Reparaturprozess würde aber sehr langwierig werden. Um an beide Kabelbäume zu gelangen, musste der Fahrzeuginnenraum komplett – inklusive Armaturenbrett – demontiert werden. Im Motorraum musste auch entsprechend Platz geschaffen werden.

Folgende Bilder veranschaulichen Euch, wie unsere geliebten Youngtimer hinter der Verkleidung aussehen. Die ersten Space-Shuttle werden kaum mehr Kabel verbaut gehabt haben.


Fazit

Die von uns gefahrenen Youngtimer der Baureihen 124, 126, 201, 140 usw. sind längst nicht mehr nur alte Alltagsautos. Viele von Euch wissen, wieviel Arbeit in der Werterhaltung / Restauration unserer Autos steckt. Oftmals sind es unzählige Arbeitsstunden und viel Geld, das in das eigene Fahrzeug investiert wurde. Unsere kommenden Klassiker sollten dementsprechend versichert sein – Tarife für Alltagsfahrzeuge sind oft nicht mehr passend.

Ich kann jedem Besitzer und Fahrer eines MB-Youngtimers nur empfehlen, mit dem Versicherer seines Vertrauens zu sprechen und für passenden Versicherungsschutz zu sorgen. Eine Kurzbewertung, oder sogar ein richtiges Fahrzeuggutachten sind gut investiertes Geld.

Der Wert unserer Fahrzeuge steigt aktuell und wird weiter steigen. Wenn Ihr Fragen habt, schreibt mich gerne an.

Ich wünsche Euch allzeit gute und knitterfreie Fahrt

Malte

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